DIE KATZE AUF DEM HEISSEN BLECHDACH

Tennessee Williams

 

Inszenierung Sarantos Zervoulakos
Bühne Raimund O. Voigt
Kostüme Geraldine Arnold
Dramaturgie David Schliesing

Big Daddy stirbt, und keiner will es ihm sagen. Aber sein Erbe antreten wollen alle. So ist die Familie auf dem Landsitz des Großgrundbesitzers zusammen gekommen, um Geburtstag zu feiern – seinen letzten. Und deshalb gilt es besonders ausgelassen zu feiern, mit Torte, Papierhütchen und nervigen Darbietungen der Enkel. Für deren Existenz ist allein der beängstigend fruchtbaren Schwiegertochter Mae zu danken, wie sie nicht müde wird allen – vor allem ihrer kinderlosen Schwägerin Maggie – unter die Nase zu reiben. Denn im Hause Pollitt, in dem schon „Big Daddy" und „Big Mama" namentlich ihre Fortpflanzungserfolge feiern, sind Frauen ohne Kinder suspekt. Big Daddys und Big Mamas Kinder, die Söhne Gooper und Brick, sind als Quellen elterlichen Stolzes allerdings wenig tauglich: Gooper, ein kleingeistiger Rechtsanwalt, ist kalkuliert, strebsam und statusbewusst, aber sein Vater kann ihn nicht ertragen. Brick, einst strahlender und vielgeliebter Prinz der Familie, ist Alkoholiker und inszeniert vor allem seine Selbstzerstörung. Er hasst seine Frau Maggie, sperrt sie in einen Ehekäfig ohne Zuneigung und Sex – immerhin unter Wahrung der bürgerlichen Konvention. Gegen die emotionale Kälte anrennend, kämpft allein Maggie um ihre Liebe und ihren Anspruch auf Glück. „Nein, die Gesetze des Schweigens funktionieren nicht...“, weigert sie sich, das Gewebe aus Lügen und Heuchelei, das sich im Laufe der Jahre über der Familie Pollitt ausgebreitet hat, länger zu akzeptieren.

Premiere am 5. April 2012, Kleines Haus

6 Fragen an Alfred Hornung von der Johannes-Gutenberg-Universität

 

1. Tennessee Williams hat viele Stücke geschrieben, erklärt aber die „Katze“ zu seinem Lieblingsstück.  Was ist das Besondere an diesem Drama?

 

Das Stück vereinigt die wichtigen Themen, die Williams auch aufgrund seines biographischen Hintergrundes in verschiedenen Dramen auf die Bühne gebracht hat: Die Geschichte des aristokratischen Südens und die sichtbare Degeneration der weißen Südstaatengesellschaft; damit verbunden die Genealogie der Familie, die sich letztlich als unproduktiv erweist; die schwierige Beziehung zwischen Mann und Frau, die zudem durch einen homosexuellen Partner in Frage gestellt wird.

 

2. Lüge ist in den zwischenmenschlichen Beziehungen im Stück eine kollektive Verabredung. Big Daddy sagt, man müsse mit der "Hypokrisie" leben. In welchem Verhältnis steht sie zum American Dream, der in dieses Drama wie ein Motor eingeschrieben ist?

 

Anstelle von Hypokrisie würde ich eher von illusionären Vorstellungen oder Sehnsüchten sprechen, die an der Wirklichkeit zerbrechen. Diese Illusionen oder Sehnsüchte hätten auch eine direkte Verbindung zu den Verlockungen des American Dream, der sich zunehmend als "Un-American Dream" erweist.

 

3. Big Daddy spricht in Bezug auf das mögliche homosexuelle Verhältnis seines Sohnes von "Toleranz". Dieser Begriff leuchtet in diesem Drama wie ein utopischer Gedanke auf. Welchen Stellenwert hat er im Anliegen Tennessee Williams?

 

Die Schwierigkeit zwischenmenschlicher Beziehungen bei Williams ergibt sich häufig aus der fehlenden Toleranz oder Akzeptanz homosexueller Neigungen. Die auch in der Gesellschaft weitgehend geächtete sexuelle Differenz ist für Williams als Homosexuellen nicht unverzeihbarer Fehler und nimmt häufig im Stück tragische Dimensionen an (s. den Selbstmord des homosexuellen Ehemanns von Blanche Dubois in "Endstation Sehnsucht").

 

4. Für die Uraufführung am Broadway musste Williams sein Stück radikal abändern, um die homosexuellen Komponenten zu verschleiern.  Worin könnten Ursachen für so einen mächtigen Sittenkodex liegen?

 

Die Akzeptanz von Homosexualität und Straffreiheit in der amerikanischen Gesellschaft beginnt erst mit der sog. sexuellen Revolution in den späten 60er und 70er Jahren. Das "Coming Out" Phänomen, die öffentliche Erklärung, homosexuell zu sein, ergibt sich in den 70er Jahren, übrigens auch für Williams selbst. Einer der republikanischen Kandidaten für die Präsidentschaft, Rick Santorum, punktet soeben im Wahlkampf mit der Ablehnung homosexueller Paare und ist gegen die Heirat oder Gleichstellung mit der Familie. Ursprung ist zum einen die starke puritanische Tradition und damit die vor allem im Süden gegebene konservative Einstellung, die auf patriarchalen Werten beruht.

 

5. Big Daddy spricht von Europa als einem großen "Ausverkauf". Welches Europabild Williams‘, der ja als junger Mann Europa bereiste, wird hier wiedergegeben, und in welchem US-amerikanischen Kontext ist diese Beschreibung zu verstehen?

 

Möglicherweise bezieht sich diese Einstellung auf den gerade zu Ende gegangenen Weltkrieg in Europa und die Zerstörung des Kontinents. Sie hat auch etwas zu tun mit dem Selbstverständnis der USA, die als eine der Weltmächte auf der internationalen Bühne erscheinen. Die Einstellung mag auch durch die Krankheit des Patriarchen Daddy bestimmt sein. Tennessee Williams selbst hat seine produktivsten Jahre in Italien verbracht, wo er in Rom viele Freunde hatte. Sein Lebensgefährte Frank Merlo (von 1948-63) war italienischer Abstammung.

 

6. Was macht den Erfolg des Stückes aus?

 

Williams' Drama steht natürlich wegen des 100 jährigen Geburtstags auf dem Spielplan der Theater. Durch den MGM Film 1958 mit Elizabeth Taylor wurde das Stück weltbekannt und erhielt die erotische Spannung, die heute vielleicht aufgrund veränderter Einstellung zur Homosexualität besonders aktuell ist.

 

Das Interview führte David Schliesing per Mail.

 

Univ.-Prof. Dr. Alfred Hornung lehrt und forscht im Fachbereich American Studies an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.



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