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Jahresrückblick 2021

ERINNERUNGSMÜNZEN – Ein Rückblick

In diesen Tagen einen Jahresrückblick zu schreiben, ist eine sperrige Aufgabe. Denn wie schaut man auf eine Phase zurück, die in keiner Weise abgeschlossen ist? Und wie formuliert man überhaupt noch öffentlich – egal ob Optimismus oder Skepsis – in aufgeregten Zeiten wie unseren? Die Widerspenstigkeit der Debatte entsteht daraus, dass gefühlt jeder nicht völlig ausgewogene Satz zur Munition des einen oder anderen Meinungslagers werden kann. Zu viel verbale Hitze und Kälte haben sich zu einem Reizklima verdichtet, in dem sich schwer atmen lässt. Und es wächst die Sehnsucht nach mehr diskursivem Wohlwollen. Nach mehr Bereitschaft, nicht begierig Anlässe zu suchen, den nächsten empörten „Siehste“!-Ruf in die Welt zu schleudern. Die nach dem griechischen Philosophen Sokrates benannte „sokratische Methode“ strebt einen Dialog an, in dem man gemeinsam klüger wird und so gespannt ist auf den Gedanken des Gegenübers, dass man ihn mit- und besser formulieren möchte. Klingt simpel. Und klingt derzeit dennoch wie eine Utopie. Aber eigentlich ist es, ganz basal, die Grundlage eines gelingenden Gesprächs und die Voraussetzung für Erkenntnis. Wohlwollen. Eine Debatte führen und nicht in erster Linie gewinnen wollen. Im Rückblick auf dieses verflixte Jahr 2021 gebe ich offen zu, dass mir ein solches Wohlwollen trotz viel guten Willens nicht immer leichtgefallen ist. Seit ermüdenden eineinhalb Jahren trotzen wir Corona ein Theater ab, das nicht mehr selbstverständlich scheint, sondern gefährdet. In rein zeitlicher Arithmetik bestand mein Theaterjahr zu einem erschreckend großen Teil aus Sitzungen, Verhandlungen, Planungen, die so nicht vorgesehen waren. Immer neue Entwürfe unserer Disposition, Anpassungen an Verordnungen und Maßnahmen haben ein Ausmaß unserer Arbeits- und Lebenszeit verschlungen, das man besser nicht in kalten Zahlen ausrechnet. Der lange Lockdown ging ins Mark. Die externe und interne Kommunikation war und ist herausfordernd, wir balancieren zuweilen wackelig zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Und ehrlicherweise strapaziert das alles die Nerven, geht manchmal sogar an die Substanz – was leider dazu führt, dass ein entspannter, reflektierter, oder gar sokratischer Dialog zwar eine schöne Idee ist, aber im Alltag dann doch hinter dem Ideal zurückbleibt. Da heißt es, umgekehrt auf Wohlwollen bei Kolleginnen, Kollegen und Publikum zu setzen …
Vor allem aber gilt: Einfache Arithmetik, zumal zeitliche, gehört nicht in die DNA des Theaters. Denn hier zählt die gespürte Zeit, nicht die gemessene. Kunst prägt Erinnerungsmünzen, eine Währung, mit der wir uns freikaufen können aus zu engen Grenzen. Und so kann ich meinen (ich hoffe: unseren) Jahresrückblick beglückender Weise auch ganz anders beschreiben, nämlich in vielen intensiven Momenten: Die Wiedereröffnung des Theaters im Mai mit 15 Minuten Tanz auf dem Parkhausdach. Ein unglaublicher tanzmainz-Rausch im Herbst mit einer fantastischen internationalen Tournee von Soul Chain und der Uraufführung von Promise. Dass wir ausgerechnet jetzt, da so vieles abgesagt werden muss, Zusatzvorstellungen brauchen, um der riesigen Nachfrage gerecht zu werden, ist ein Geschenk. Und vielleicht tut, wenn Sprache so entzündet ist, der pure körperliche Ausdruck gut. Bei den Bremer Stadtmusikanten vergessen die Kinder die Welt um sich herum, tanzen in den Reihen und versuchen mit großem Eifer, dem alten Hund zu helfen, der vergessen hat, wie man bellt: „WUFF WUFF – nicht DINGS DINGS!!“, gelebte Empathie, der Perspektivwechsel funktioniert. Die umjubelte Freischütz-Premiere im vollen Großen Haus, wunderbare Produktionen im Schauspiel wie Glaube Liebe Hoffnung, ein Abend, der zwischen Schlager, verdrehter Sprache und grotesker Überzeichnung genau dorthin zielt, wo es schmerzt, und ins Wesentliche trifft, wie es nur Theater kann. Die zeitlose Kunst des Dada in der Kakadu Bar, in der endlich jemand die richtigen Fragen stellt: „Wer brachte den Panther in die Straßenbahn?“ Die Menschen hier im Haus, die so vieles mittragen und mit ihrer Begeisterung am künstlerischen Leben halten. Und ein Publikum, das uns unglaublich solidarisch und gelassen durch alle Widrigkeiten begleitet. Ich kann hier längst nicht alles auf- oder gar erzählen. Die intensiven Bühnenmomente tragen uns, sind schmerzhaft wertvoll, gerade weil sie gefährdet scheinen. Weit entfernt davon, die Wirklichkeit um uns herum bloß abzubilden, machen sie unmissverständlich klar, dass es Geschichten und Erzählungen sind, die uns ausmachen, uns mit Energie, Fantasie und Widerstandskraft rüsten. Auch für eine wohlwollende Kommunikation. Letztlich ist es also doch ganz simpel: Natürlich lohnt es sich, selbst die zigste Verordnung umzusetzen, die uns ermöglicht weiterzumachen! Allemal und gerade jetzt. Genau darum blicke ich trotz allem gerne zurück – und mit Zuversicht auf 2022.

Ihnen wünsche ich ein gutes, gesundes und helles neues Jahr – wir sehen uns im Theater!
Markus Müller



Staatstheater
Mainz