Seit 1999 erscheinen in der Reihe Scène – neue französischsprachige Theaterstücke zeitgenössische Theatertexte in deutscher Übersetzung. In acht brandneuen Stücken werde Exklusionsstrategien beleuchtet, die oft an der Schnittstelle zwischen Individuum und Staat, Subjekt und Gesetz operieren. Von der Boulevardkomödie über das Scheitern der ägyptischen Demokratie über dokumentarisch-poetische Versuchsanordnungen zum Thema Polizeigewalt bis hin zu den postkolonialen Machtverhältnissen im Bananenanbau auf Guadeloupe ist formal und inhaltlich große Vielfalt geboten.
In kurzen Lesungen stellen Ensemblemitglieder Auszüge der Übersetzungen erstmals einem deutschsprachigen Publikum vor. Anschließend freuen sich die Autor*innen auf anregende Gespräche.
Béatrice Bienville
Béatrice Bienville ist eine aus Guadeloupe stammende Dramatikerin und Regisseurin. Sie studierte Szenisches Schreiben an der ENSATT in Lyon. Im Rahmen von Schreibaufträgen, Schreibworkshops oder ortsspezifischen Projekten arbeitet sie u. a. mit den Theaterkompagnien Projet D, Compagnie Brumes und Le Menteur Volontaire zusammen. Ihre Texte *La véritable histoire de la Gorgone Méduse* und *C’est là que mon nombril est enterré* wurden mehrfach ausgezeichnet. Ihr neuestes Stück, *CHLRDCN – Trop beau pour y voir*, über den Chlordecon-Skandal, gewann den Preis der Journées de Lyon des Autrices et Auteurs de Théâtre und wurde von Artcena und Le Troisième Bureau unterstützt. Uraufgeführt wurde der Text im Juni 2025 am Pariser Théâtre 13, in einer Inszenierung von Yassim Aït Abdelmalek, die mit dem Prix T13 ausgezeichnet wurde. Béatrice Bienville ist Hausautorin am CDN Tours. Gemeinsam mit Hoël·le Beauchard de Luca und Jana Remond gründete sie das Kollektiv Collective Dévorante.
Sonia Chiambretto
Sonia Chiambretto ist Lyrikerin, Performerin, bildende Künstlerin und Regisseurin. Ihre Texte bestechen durch formale Originalität und ihr vehementes gesellschaftspolitisches Engagement. Durch die Kombination von literarischen Passagen und Archivdokumenten entwickelt sie eine rohe und gleichzeitig musikalische Sprache. Ihre Stücke werden regelmäßig sowohl in Frankreich als auch international auf die Bühne gebracht. 2023 inszenierte sie *Oasis Love* beim Festival d’Automne in Paris und zeigte das gemeinsam mit der Künstlerin Delphine Dénéréaz entwickelte *Coeur en Flammes* bei der Triennale für zeitgenössische Kunst in Nîmes. 2025 stand ihr Gesamtwerk im Mittelpunkt der Gemeinschaftsausstellung *Comme un printemps, je serai nombreuse* im Kunstzentrum Triangle Astéride in Marseille. 2026 inszeniert Sonia Chiambretto *A nos enfants glorieux* am CDN Le Quai d’Angers. Als assoziierte Künstlerin arbeitet sie mit dem Foyer des Jeunes Travailleurs des Hauts de Belleville zusammen.
Rachel M. Cholz
Rachel M. Cholz ist eine in Brüssel wohnhafte französische Autorin. Ihr Romandebüt *Pipeline*, das von einem Diesel-Schmuggelring erzählt, erschien im April 2024 im Verlag Éditions du Seuil. Er wurde mit dem Prix Senghor ausgezeichnet. *No ou le pactole* erschien 2022 im Verlag La Lettre volée, ebenso wie der Erzählband *Trois pour cent sauvages* (2025). Derzeit arbeitet Rachel M. Cholz an weiteren Texten und ist als Co-Librettistin an einer Oper des Komponisten Nicholas Lens beteiligt. Außerhalb des reinen Literaturkontexts verfasst sie außerdem gerne Texte im Rahmen interdisziplinärer Projekte. 2020 begann sie, *Viens Valeur*, ein digitales Projekt mit ASMR-YouTuberinnen zu entwickeln und inszenierte 2021 eine Theaterfassung ihres Textes *Trois pour cent sauvages*.
Céline Delbecq
Céline Delbecq ist eine belgische Schauspielerin, Autorin und Regisseurin. Nach ihrer Ausbildung am Conservatoire Royal de Mons gründete sie 2009 in Brüssel die Compagnie La Bête Noire, mit der sie ausschließlich eigene Texte inszeniert. Ihre Arbeit setzt sich mit systemischer Gewalt, Machtverhältnissen und familiären und gesellschaftlichen Tabus auseinander. Ihre Texte, die oft marginalisierte Figuren ins Rampenlicht rücken, wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet: u. a. Prix SACD de la Dramaturgie francophone, Prix des Arts de la scène, Prix Maeterlinck, Journées de Lyon des auteurs, Artcena. Sie erscheinen bei Lansman Éditeur, wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und von France Culture für den Hörfunk adaptiert. Derzeit ist Céline Delbecq Hausautorin am Théâtre des Ilets/CDN Montluçon, an der Manufacture/CDN Nancy und am Théâtre du Rideau in Brüssel. Sie ist außerdem Initiatorin von drei Gedenktafeln in Erinnerung an die Opfer von Femiziden in Belgien.
Rébecca Déraspe
Seit ihrem Abschluss an der National Theatre School of Canada im Jahr 2010 hat Rébecca Déraspe rund zwanzig Theaterstücke, einige Theateradaptionen, zwei Drehbücher und eine Fernsehserie verfasst. Ihre Stücke *Deux ans de votre vie*, *Je suis William*, *Gamètes* (erschienen in SCÈNE 21 unter dem Titel *Keimzellen*), *Ceux qui se sont évaporés* und *Les Glaces* wurden mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem renommierten Prix Michel-Tremblay. Im Jahr 2025 wurde ihr der Prix Jovette-Marchessault verliehen, der Frauen ehrt, die einen prägenden Einfluss auf die Theaterlandschaft in Montreal haben. Neben ihrer Tätigkeit als Dramatikerin moderiert Rébecca Déraspe Dokumentarserien zu diversen gesellschaftlichen Themen, darunter Feminismus und die französische Sprache. Ihre Werke wurden in eine Vielzahl von Sprachen übersetzt und werden weltweit aufgeführt.
Isabelle Mayault
Isabelle Mayault wurde in Paris geboren und lebt und arbeitet seit 2020 in Genf. Sie ist Autorin von drei Romanen, die im Verlag Gallimard erschienen sind (*Une longue nuit mexicaine*, *La Chouette d’or* und *Toute la misère du monde*). Im Mittelpunkt ihres neuesten Buches stehen die Themen Mutterschaft und Asyl. Isabelle Mayault war fast fünfzehn Jahre lang als Korrespondentin für französische Medien im Nahen Osten, dann in Westafrika und in der Schweiz tätig. Sie berichtete insbesondere über die ägyptische Revolution und die Jahre danach sowie über den Krieg in Syrien und das politische Geschehen im Libanon. Garden City, das an einem einzigen Tag im Sommer 2013 in Kairo spielt, an dem eine Rückkehr der Militärdiktatur droht, ist ihr erstes Theaterstück.
Éric Noël
Éric Noël ist ein*e nicht-binäre*r Autor*in, Übersetzer*in und Performer*in aus Tiohtià:ke-Mooniyang-Montréal und Absolvent*in des Studiengangs Szenisches Schreiben an der École Nationale de Théâtre du Canada. Érics erstes Stück *Faire des enfants*, das am Théâtre de Quat’Sous uraufgeführt wurde, gewann 2011 den Prix Gratien-Gélinas und wurde in mehrere Sprachen übersetzt (auf Deutsch erschien es in SCÈNE 14). 2023 schrieb, inszenierte und performte Éric *L’Amoure Looks Something Like You* am Théâtre Denise-Pelletier. Der Text wurde 2024 mit dem Prix Michel-Tremblay ausgezeichnet. Für *Ces regards amoureux de garçons altérés*, inszeniert am Théâtre Prospero von Philippe Cyr, erhielt Éric 2026 den Prix du Gouverneur Général sowie den Kritikerpreis der Association québécoise des critiques de théâtre. Von 2021 bis 2025 war Éric Präsident*in des Centre des auteurs dramatiques ( CEAD ) und ist derzeit Geschäftsführer*in und künstlerische*r Leiter*in des Festivals Jamais Lu.
Jérôme Richer
Jérôme Richer, geboren 1974, absolvierte zunächst ein Jurastudium. Nach einem Abstecher in die Sonderpädagogik wandte er sich dem Verfassen von Theaterstücken und der Schauspielregie zu. Er beschreibt seine Arbeit als »dokumentarisches Theater«. Als Autor wurde Jérôme Richer mit zahlreichen Stipendien und Preisen ausgezeichnet ( u.a. Pro Helvetia-Literaturstipendium, Schweizer Kulturstiftung ). Seine Texte wurden in Lesungen und Inszenierungen in der Schweiz, in Frankreich, Belgien, Luxemburg, Québec, Deutschland, den USA und in Guinea aufgeführt. Sie erscheinen auf Französisch bei den Verlagen Espaces 34, BSN Press, Bernard Campiche und Alna und wurden ins Englische und Deutsche übersetzt ( Nouveau monde erschien in SCÈNE 20 ). Am 1. Juli 2025 übernahm Jérôme Richer zusammen mit Julie Gilbert und Jean-Louis Johannides die Co-Leitung des Théâtre du Loup in Genf.