Woran können wir noch glauben, wenn wir nicht einmal unseren eigenen Augen trauen können? In E.T.A. Hoffmanns Nachtstück Der Sandmann verliebt sich der Protagonist
Nathanael nach einem wiedererweckten Kindheitstrauma in Olimpia und erkennt viel zu spät, dass sie kein Mensch, sondern ein Automat ist. In Zeiten von Deep Fakes und KI-Fluten bringen wir diesen Albtraum neu interpretiert auf die Bühne. Nathanaels Trauma wird zum Ergebnis einer postkapitalistischen Depression. Heimgesucht von den Geistern der 1980er Jahre sucht er Halt in den emotionalen Versen der Dark Wave- und Goth-Musik. Während seine konsumbegeisterten Yuppie-Freund*innen einem Selbstoptimierungswahn aus Skincare und Sport-Routinen verfallen, scheint Olimpia als künstliche Intelligenz die Einzige zu sein, die ihn versteht. Kann sie womöglich zwischen den auseinanderdriftenden Lebenswelten vermitteln?
Jurybegründung
Lea Iris Meyers Inszenierung „Der Sandmann“ entfaltet E.T.A. Hoffmanns albtraumhafte Erzählung in einer dichten, atmosphärischen Bühnenwelt.
Die Figur Nathanael lädt zum Konzert ein und führt mit einer musikalischen Ebene im Dark-Wave-/Gothic-Stil durch den Abend. Daraus entsteht eine sinnliche Erfahrung, die, ganz im Sinne Hoffmanns, mehrere Wahrnehmungsebenen zugleich anspricht.
Im Zentrum der Inszenierung steht eine neue Perspektive auf die Frauenfiguren der Vorlage: Olimpia tritt aus ihrer ursprünglichen Sprachlosigkeit heraus und gewinnt hier eine eigene Präsenz und Stimme. Mit Livekamera und einem wandelbaren Bühnenraum aus beweglichen Wänden entstehen neue Perspektiven und Räume. Ein ästhetisch präziser und zugleich gedanklich wacher Abend, der Hoffmanns Vorlage gegenwärtig liest.
Lea Iris Meyer
Lea Iris Meyer studiert seit 2024 Regie für Musik- und Sprechtheater, Performative Künste an der Bayerischen Theaterakademie August Everding in München. In ihren Inszenierungen sucht sie subkulturell-musikalische Zugänge zu politischen Fragen der Gegenwart. Ihr besonderes Interesse gilt dem Spannungsfeld zwischen technischer Innovation und gesellschaftlichem Wandel. Zuvor studierte sie Filmmaking und Theaterwissenschaft in Brighton und München. Während ihrer zweijährigen Tätigkeit als Regieassistentin am Residenztheater München arbeitete sie u. a. mit Elsa-Sophie Jach, Nora Schlocker, Alexander Eisenach, Sebastian Baumgarten, Evgeny Titov und Thom Luz zusammen. Sie war dort außerdem Teil der Leitung eines Jugendklubs des Resi für alle. Die in diesem Rahmen entstandenen Arbeiten Marstheater – Geschichten von der Erde (2022) und A Rainbow Archive (2023) wurden jeweils zu unterschiedlichen Jugendtheaterfestivals eingeladen
Das Gastspiel findet mit freundlicher Unterstützung durch die Bayerische Theaterakademie August Everding statt.
BESETZUNG
Regie: Lea Iris Meyer Kostüm: Paul Vogler Maske: Binks Mooney, Felicitas Barth Regieassistenz/Inspizienz: Henry Burgmann Bühne: Ella Hölldampf Dramatugie: Rebecca Raitz Darsteller*innen: Finn-Morten Schuy, Frieda Lüttringhaus, John Vincent Ragner, Vera Herberich Band: Tibor Lampe, Rei Kondakciu, Jakob Eberl