Alles, bloß nicht klein sein

Lotte als Projektion und Ideal
von Sylvia Fritzinger

Als Werther sie zum ersten Mal sieht, schneidet Lotte Brot für ihre kleinen Geschwister – „Achtung, jetzt wird’s ikonografisch“, kommentieren das die Schauspieler in Brit Bartkowiaks Inszenierung. Und tatsächlich verdichtet sich in diesem Moment die Tragik der Geschichte zur bitteren Essenz. Denn Werthers unbändige und schließlich tödliche Liebe entbrennt an diesem Bild einer jungen Frau, die ihm schon Symbol ist, bevor er sie noch kennen lernt. Eine Projektion, das Ideal der gütigen, mütterlichen Schönheit. Lotte hat von Beginn an keine Chance. Denn sie darf dieses im Wortsinne reine Bild nie wieder verlassen. Er wird sie immer wieder hineinzwingen, sie soll, sie muss all das sein, was er auf sie projiziert. Auf der Bühne übersetzt die Regisseurin das in starke Bilder – Werther, der wütend und verzweifelt mit schwarzer Farbe die Scherenschnittprojektion der Geliebten zu fixieren versucht. Werther und Lotte, die in großen Filmbildern vorführen, was wir, so oder ähnlich, in zig Romantic Comedys im Kino, auf Netflix oder in der Werbung gesehen haben. Werther, der sich selbst inszeniert als Michael Jackson, Curt Cobain, Jesus. Alles, bloß nicht klein sein. Damit kommt er uns aus dem nur vermeintlich in die Jahre gekommenen Pathos des übersensiblen Sturm-und-Drang-Helden entgegen und ziemlich nah.

Denn so, wie Werther sich an seinem selbsterschaffenen Engelsdämon abarbeitet, speisen wir unsere Sehnsüchte aus den nicht erreichbaren Idealbildern unserer medialen Welt. Und so, wie er Lotte idealisiert, idealisiert er sein Leiden, Nichterfüllung wird zur Bedingung für pathetische Überhöhung. Die Quasi-Heiligsprechung der geliebten Lotte und seine durchaus sehr irdischen erotischen Wünsche passen nicht zusammen. Denn für das sittliche Lottebild ist Sinnlichkeit nicht vorgesehen – ein Topos: „Ich hab so warmes Blut als eine“, sagte schon Emilia Galotti, die so etwas wie das Urbild der idealisierten, ‚gemalten‘ Frau ist. Nicht ohne Grund liegt Lessings Drama aufgeschlagen auf dem Pult, als Werther sich tötet. Gerne wird überlesen, dass Emilia den Annäherungen ihres Ent- und Verführers am Königshof nicht wirklich abgeneigt ist. Und erst mit diesem Bekenntnis des eigenen Begehrens unterschreibt sie ihr Todesurteil. Als Frau Lustobjekt zu sein, ist schon gefährlich, selbst Lust zu empfinden und diese auch noch zu äußern, bedeutet für eine literarische Figur des bürgerlichen Trauerspiels das sichere Ende. Wenn sie im Werther – wie verletzt auch immer – weiterleben darf, sieht auch das eher nicht nach einer Lösung aus.

Mit einem für einen Scherenschnitt völlig ungehörigen Wortschwall verlässt die Mainzer Lotte den für sie vorgesehenen Bilderrahmen, rebelliert dagegen, bloß Projektionsfläche zu sein. Und fordert: Eine eigene Geschichte! Subjekt sein! Gefragt werden! Das nervt die Jungs auf der Seitenbühne dann doch und sie sammeln sie wieder ein, komplimentieren sie zurück in ihre Rolle.

Und es gibt (mindestens) ein weiteres utopisches Moment des Aufbegehrens gegen die diversen Zuschreibungen der Figuren in Brit Bartkowiaks Werther: die Möglichkeit einer zärtlichen Beziehung zu dritt. Doch Werther ist Narziss und in der Welt des Narzissten ist nicht Platz für drei, nicht einmal für zwei, es sei denn, der/die Zweite hält den Spiegel.