Glitzer zu Staub

Gianluca Falaschi im Gespräch mit der Produktionsdramaturgin Elena Garcia Fernandez

Adriana Lecouvreur handelt von einer berühmten Schauspielerin und erzählt eine tragische Eifersuchtsgeschichte. Welcher Aspekt der Oper interessiert dich am meisten?

Gianluca Falaschi: Für mich ist der wichtigste Aspekt die Hommage, die Francesco Cilèa mit diesem Werk dem Theater erwiesen hat. Adrianas Leben ist vom Theater erfüllt. Sie lebt ihre Leidenschaften mit der gleichen Intensität, mit der sie ihre tragischen Rollen interpretiert, und lenkt in gewisser Weise die Ereignisse bis zum Ende hin – fast wie eine Regisseurin. Es war mir sehr wichtig zu zeigen, wie sehr eine Aufführung, ja das gesamte Showbusiness, die Wahrnehmung der Realität bei denjenigen verändert, die dafür leben. Adriana betritt die Szene und erklärt sich zur Dienerin der Kunst. Sie ist Theater durch und durch. Ohne die Bühne verliert sie ihre Daseinsberechtigung.

Du gestaltest neben Regie auch Bühne und Kostüme. Wo hast du die Geschichte um Adriana verortet und für welche Ästhetik hast du dich entschieden?

Ich wollte dem Theater des vergangenen Jahrhunderts huldigen, der Welt des Broadway ebenso wie den großen Hollywood-Filmen, die vom Musical inspiriert sind. Dabei habe ich versucht, mich auf einen Zeitraum von zehn bis fünfzehn Jahren zu konzentrieren – vom Schwarzweiß der Ginger Rogers-Filme bis zum Technicolor der 1950er Jahre, von der Naivität des Vaudeville bis zur psychologischen Intensität des Dramas. Ich habe eine Ästhetik im Stil der Goldenen Ära Hollywoods entworfen und dabei eine Grausamkeit einfließen lassen, wie sie Rainer Werner Fassbinder durch das blendende Weiß der Veronika Voss zum Ausdruck bringt.

Vorbild für die Rolle der Adriana ist eine historische Figur: Adrienne Lecouvreur, eine berühmte Schauspielerin, die Anfang des 18. Jahrhunderts den Vortragsstil an der Comédie-Française revolutionierte. Zahlreiche große Künstlerinnen wie Sarah Bernhardt, Eleonora Duse oder Maria Callas haben diese Rolle später verkörpert. Man könnte also sagen, Adriana Lecouvreur ist eine Oper über und für eine Diva. Was zeichnet in deinen Augen eine Diva aus?

Durch meine Arbeit als Kostümbildner habe ich viel Zeit mit großen Diven in Garderoben verbracht, mit berühmten Opernsängerinnen und Schauspielerinnen. Jedes Mal, wenn eine solche Künstlerin vor dem Spiegel steht, beobachte ich eine gewisse Fragilität, eine tief sitzende Unsicherheit, die sie verwandelt und wieder zu einer Anfängerin werden lässt. Das Drama und die Größe einer jeden Künstlerin besteht in der Selbsterkenntnis. Denn selbst wenn sie durch einen vorangegangenen Erfolg an Selbstsicherheit gewonnen hat, beginnt dieser Prozess mit jedem Auftritt wieder aufs Neue. Die Diva erkennt sich selbst nur, wenn das Publikum ihr zujubelt und sie auf diese Weise bestätigt. Der Applaus des Publikums lässt sie jeden Abend wiederauferstehen wie ein Phönix aus der Asche. Das ist etwas, was alle großen Künstlerinnen verbindet.

Was macht Adriana zu einer Diva?

Adriana besitzt alle Eigenschaften einer Diva, ein scheinbares Selbstbewusstsein, das sie oft durch Hochmut ausdrückt, gemischt mit einer gewissen Kindlichkeit und dem Bedürfnis nach Bestätigung. Das Publikum erwartet von der Diva Größe, aber wie bei einem Stierkampf wittert es auch das Blut. In einer solchen Arena, zwischen Erwartung und Verherrlichung, agiert die Diva. Es scheint mir kein Zufall zu sein, dass Adriana sich am Schluss von der Bühne zurückzieht. Sie steht am Ende ihrer Karriere. Von diesem Punkt bin ich ausgegangen – vom Verlust der Magie, der den wahren Tod Adrianas auslöst.

Cilèas Oper zeigt das Theaterleben sowohl hinter den Kulissen als auch auf der Bühne. Wie beschreibst du in deiner Inszenierung diese Welt, in der Adriana arbeitet und lebt?

Durch die Illusion. Ich wünsche mir, dass man den Staub auf der Bühne wahrnimmt, der plötzlich hell zu glitzern beginnt und sich dann wieder in Staub zurückverwandelt. Mit dem Bühnenbild ebenso wie mit den Kostümen und der Dramaturgie versuche ich zu zeigen, dass der theatrale sowie der kinematografische Akt reine Fiktion sind, die wir aber als absolut wahrhaftig empfinden, solange wir ihr beiwohnen. In dieser Fiktion sucht Adriana sich selbst. Vielleicht sucht sie zum ersten Mal überhaupt nach Authentizität, doch sie findet sich nicht mehr.

Wie stellst du das Theater im Theater konkret dar?

Durch ein Spiel mit Perspektiven. Manchmal sehen wir die eigentliche Aufführung, manchmal nehmen wir den Blickwinkel der Theaterschaffenden ein, die hinter den Kulissen die Aufführung beobachten. Dabei möchte ich bewusst eine gewisse Unschärfe bewahren. Ich wünsche mir, dass wir auch manchmal das Gefühl bekommen, nicht zu wissen, ob das, was wir vor uns sehen, real ist oder gespielt. Es geht mir darum, die Täuschung darzustellen, die große Lüge, die der Theaterakt ist.

Eine leidenschaftliche Liebe verbindet Adriana mit Maurizio, der wiederum auch mit der Fürstin von Bouillon in Beziehung steht. Wie würdest du Maurizios Verhältnis zu den Frauen beschreiben?

Maurizio nutzt seine Verhältnisse zu den Frauen zu seinem eigenen Vorteil aus. Er verkörpert eine gewisse Art von Narzissmus, aber auch eine in der Zeit vorherrschende Form von Machismus. Einerseits benutzt er Adriana, indem er sie mit einer Mutter vergleicht – also mit einer Frau, die ihre eigene Bestätigung darin findet, das Ego der Anderen zu nähren und zu stärken. Andererseits benutzt er die Fürstin von Bouillon als Steigbügelhalterin, um auf der Karriereleiter weiter nach oben zu klettern.

Michonnet ist heimlich in Adriana verliebt. Sie nimmt ihn jedoch nur als väterlichen Freund wahr. Hätte er sie vor ihrem Schicksal bewahren können?

Michonnet liebt Adriana auf einfache und ehrliche Weise, die sie wiederum als tägliche Fürsorge für ihr Leben als Diva versteht. Adriana sieht seine Liebe nicht. Sie will sie nicht sehen, weil ihre Liebe zu Maurizio viel eher den Geschichten und Epen entspricht, die sie als Künstlerin kennt und deren Hauptrollen sie darstellt. Adriana sieht nur, was sie aus ihrem Leben als Schauspielerin kennt, und erkennt nur den Schein als wahrhaftig an. Ihr Schicksal ist unausweichlich.

Laut Libretto stirbt Adriana in der letzten Szene an einer vergifteten Blume, die sie von ihrer Rivalin erhalten hat. Woran scheitert Adriana in deinen Augen?

Adriana stirbt für mich nicht an einer vergifteten Blume. Sie stirbt, weil sie keine Bühne mehr zum Leben hat. Ich möchte nicht alles vorwegnehmen – aber vielleicht erkennen wir in der letzten Szene die künstliche Natur der gesamten Existenz eines Theaterschaffenden, der seinen Körper und sein Denken der Kunst gewidmet hat, aber ohne die Bühne einfach nicht mehr existiert.

Welche Rolle spielt für dich die Musik? Ist sie Inspiration für die optische Umsetzung, für deine Sicht auf Figuren und Vorgänge?

Absolut. Die Musik nimmt einige Formen vorweg, die in den großen Film-Melodramen der 1950er Jahre zu finden sind – denn es ist offensichtlich, dass die Filmmusikkomponisten die klassischen Werke kannten und sich von ihnen inspirieren ließen. Dies hat mich dazu bewegt, Adriana und ihre Welt in einem Filmset anzusiedeln, das sich mal auf den Broadway Boulevards, mal in den Hollywood Hills befindet. Auf diese Weise möchte ich zeigen, dass das Showbusiness flüchtig und vergänglich ist. Die Namen der Künstler*innen verblassen mit der Zeit und irgendwann bleiben von ihnen nur vage Schatten zurück.