Virtuelles Programmheft GUDRUNS LIED

Musiktheater nach der Edda-Dichtung mit Zwischentexten von Hannah Dübgen – in einer Fassung von Elisabeth Stöppler

Eiserne Haken, eingeschlagen auf dem Schlachtfeld um die Macht

von Christin Hagemann

Als hätte man einen ganzen Sagenkosmos in einen Schuhkarton gepresst, der aus allen Nähten zu bersten scheint – so kann man Haukur Tómassons Musiktheaterwerk Gudruns Lied umschreiben, entfesselt er darin doch einen der wohl berühmtesten Sagenstoffe der Welt rund um Sigurd, Gudrun und Brynhild aus der altisländischen Edda. Und somit wartet das Staatstheater Mainz im neuen Jahr mit einer Rarität und einigen „ersten Malen“ auf: Es wird nicht nur zum ersten Mal ein Musiktheaterwerk des isländischen Komponisten Haukur Tómasson in Mainz präsentiert und das erste Mal auf altisländisch auf der Mainzer Bühne gesungen, sondern es handelt sich bei Gudruns Lied auch um eine Deutsche Erstaufführung, die das Werk nach der Uraufführung 1996 nun erstmalig außerhalb des skandinavischen Raums erlebbar machen wird.

Gudruns Lied ist als spartenübergreifende Produktion angelegt. Der große Stoff der Edda führt in der Inszenierung die beiden Kunstformen zusammen, in denen diese Inhalte ohnehin beheimatet sind. So wird er sowohl von Sängerdarsteller*innen als auch von Schauspieler*innen ergründet.

Der Komponist Haukur Tómasson griff für die Gesangstexte auf die altisländische Lieder-Edda, auch Poetische Edda genannt, zurück – ein bedeutender Baustein des kulturellen Erbes der westlichen Welt. Die Lieder-Edda setzt sich aus 30 Gedichten, Lieder genannt, zusammen. Verfasst wurden sie auf altisländischer Sprache und bilden Erzählungen ab, die zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert mündlich tradiert und im 13. Jahrhundert schriftlich festgehalten wurden. 29 der 30 Gedichte sind im Codex Regius der Lieder-Edda überliefert.
Für die Arbeit an Gudruns Lied fokussierte sich Tómasson auf die Figur Gudruns und löste aus verschiedenen Liedern des Heldenliederkomplexes Textpassagen heraus. Diese setzte er neu zusammen, stellt somit teilweise neue Bezüge her und beleuchtet spektral die Figur Gudruns – aus der eigenen Perspektive, aber auch aus der Perspektive von Figuren, die eng mit dem Schicksal der Protagonistin verbunden sind. Das Werk Gudruns Lied umfasst zwölf Musiknummern, die in ihrer Grundform nicht durch einen stringenten narrativen Faden verbunden sind. Der inhaltliche Bezug stellt sich über die Figur der Gudrun her. Um die Geschichte Gudruns nachvollziehbar werden zu lassen, verfasste die Autorin Hannah Dübgen eigens deutsche Zwischentexte.

In diesen Texten, die zwischen der und auf die Musik gesprochen werden, kommen die Mutter Gudruns, Grimhild, Gudruns Bruder Guttorm, Gudrun selbst sowie ihre Tochter Svanhild zu Wort. Dezidiert legen die sprechenden Figuren die verwandtschaftlichen und emotionalen Verwicklungen und die daraus resultierenden Konflikte der Familie offen, die als Symptom und Konsequenz im Schicksal der Gudrun kulminieren. Die jüngeren Generationen wollen sich nicht mehr instrumentalisieren lassen. Sie wollen den immerwährenden Kreislauf von Machtgewinn, durchgesetzt durch Gewalt, Blut und Mord, unterbrechen.

Im Zentrum des Werks steht also das Leben Gudruns. Mit ihrer Geburt wird sie zu einer Figur auf dem Schlachtfeld der Macht, das die Eltern im Sinne des Machterhalts strategisch bespielen – gleich eiserner Haken, die auf diesem Schlachtfeld zu verankern sind.
Alsbald schlägt auch Gudruns zunächst friedliches Leben um und der Grundstein für eine Tragödie wird gelegt: Durch eine arrangierte Ehe tritt sie in die vernichtende Spirale der Gewalt ein. Ab diesem Moment greifen die Schicksalsschläge unerbittlich ineinander. Gewalt bedingt Gegengewalt, Blutvergießen wird mit Blutvergießen aufgewogen. Ein gordischer Knoten schnürt sich, der nicht mehr zu lösen ist.

Handlung der Fassung

von Elisabeth Stöppler

Lange Zeit erduldet Gudrun alle Gräuel, die ihr widerfahren. Als aber ihr zweiter Ehemann zwei ihrer Brüder ermordet, ist das Maß voll.
Gudrun begeht eine grausame Tat – sie ermordet die beiden gemeinsamen Söhne, setzt sie ihrem Mann zum Essen vor und ermordet ihn anschließend.

An diesem Endpunkt der Handlung setzt die Hausregisseurin Elisabeth Stöppler mit ihrem Team an. Die Inszenierung durchdringt im Rückblick die Entwicklung der Protagonistin von einem unbescholtenen Mädchen hin zur Mörderin und beleuchtet die Mechanismen und Auslöser, die zur Katastrophe führten. In Gudruns Lied entfaltet Haukur Tómasson ein Panorama sphärischer Klangwelten, die er immer wieder musikalisch kontrastiert. Elegische Momente werden von drängenden Rhythmen gejagt, große melodische Bögen von fragmentarischen Splittern konterkariert. Diese Struktur spiegelt sich auch in der Anlage der Geschichte.

Gespräch mit Regisseurin Elisabeth Stöppler und der Autorin der Zwischentexte Hannah Dübgen