Virtuelles Programmheft MUTTER COURAGE UND IHRE KINDER

Mit diesem virtuellen Programmheft wollen wir Sie einladen, sich eingehender mit Brechts MUTTER COURAGE UND IHRE KINDER zu beschäftigen. Zum Beispiel mit der folgenden digitalen Einführung, Texten zum Stück sowie Dokumenten und Fundstücken aus dem World Wide Web.

DAS SCHICKSAL DES MENSCHEN IST DER MENSCH: MUTTER COURAGE GESTERN UND HEUTE

von Boris C. Motzki

GESTERN

Nach der Uraufführungspremiere von MUTTER COURAGE UND IHRE KINDER (1941) schickte der Regisseur Leopold Lindtberg, so will es jedenfalls die Legende, ein Telegramm an Bertolt Brecht: „Großer Erfolg – Publikum erschüttert.“ Darauf soll Brecht zurückgeschrieben haben: „Sofort absetzen!“

Dass ein Publikum von seinem als Lehrstück gedachten Werk erschüttert war, das wollte Brecht eben nicht. Es sollte keine Tragödie sein, bei der man mitleidet, sondern ein modellhaftes Beispiel seines epischen Theaters, das er ab den 1930ern auf der Grundlage des marxistischen dialektalen Materialismus entwickelte: Demzufolge bestimmt das gesellschaftliche Bewusstsein das persönliche Sein (und nicht gegenteilig!), und daraus kann man den Schluss ziehen, dass man, um sein Dasein zu verbessern, die bestehenden Verhältnisse verändern muss. Dadurch entsteht Brechts Gedanke eines politischen Theaters, des sogenannten epischen Theaters, das sich vom aristotelischen, sprich klassischen Theater und dessen Wirkung absetzt: Es wendet sich gegen Illusion, Einfühlung, Psychologie, gegen jegliche „Kulinarik“, wie Brecht es formuliert. Das epische Theater möchte einen kritischen, analytischen Zuschauer, der Distanz zum theatralen Geschehen einnimt, dadurch zum Nachdenken angeregt wird – und bestenfalls zum Verändern der Gesellschaft. Walter Benjamin formuliert die Kraft des epischen Theaters, indem er darauf hinweist, dass es „Zustände entdecke“.

Hilfestellung erhält das Publikum durch Brechts V-Effekt, der Verfremdungseffekt, in dem die ganze Maschinerie Theater offengelegt wird und die Gedanken des Autors selbst (nicht die der Figuren), direkt zum Zuschauer sprechen – in Form von Songs, Filmeinspielern, Backstageeindrücken u.ä.. Dieser Effekt soll den Zuschauer in Distanz und gleichzeitig Staunen versetzen, denn durch Staunen würde Interesse evoziert.

Soweit die Theorie, die Brecht zeit seines Lebens weiterentwickelt hat, in Anekdoten, Aphorismen, Lyrik, Essays und schließlich im Handbuch KLEINES ORGANON FÜR DAS THEATER (1948). Und die er 1949 in seiner mit Erich Engel zusammen entstandenen Inszenierung von MUTTER COURAGE am Berliner Ensemble weitgehend verwirklicht hat; daher bezeichnete er diese Inszenierung auch als „Modellinszenierung“ und beschrieb dieses Courage-Modell en detail, an das sich viele weitere Inszenierungen/Regisseure hielten.

Doch auch grau ist bekanntlich alle Theorie, und so erzählt Mario Adorf immer wieder gerne die Anekdote BRECHT BEISST NICHT, in der er beschreibt, wie Brecht 1956, kurz vor seinem Tod, dem Schauspielensemble der Münchner Kammerspiele nach einer Probe sagt, sie hätten wohl alle das Organon gelesen und sollen nun vergessen, was er da mal geschrieben habe, sie seien doch begabt und sollen vor allem eins: Spaß haben beim Spielen. Darauf wendet sich Adorfs Kollege Robert Graf (der viel zu früh verstorbene Vater des Regisseurs Dominik Graf) zu ihm und sagt, Brecht verhalte sich wie ein Atheist auf dem Sterbebett, der nach dem Pfarrer ruft…

David Meyer, Armin Dillenberger, Maike Elena Schmidt, Anna Steffens, Vincent Doddema / Foto: Andreas Etter

HEUTE

Dass sich die Theorie des epischen Theaters in der Praxis durchaus mit Einfühlung und Psychologie mischen kann und darf, auch wenn das Brecht erstmal zuwider gewesen sein mag, zeigen die Inszenierungen der COURAGE bis heute, ob vom Modell losgelöst oder nicht, in vielen Rezeptionsdokumenten, die immer wieder das mitreißende Spiel der Darsteller*innen loben und von begeistertem Publikum berichten, da die Figuren und die Fabel gleichzeitig den brechtschen Gestus des Zeigens und saftiges Leben beinhalten – so schrieb Gerhard Stadelmaier über Peter Zadeks Inszenierung am Deutschen Theater Berlin 2003:

Insofern ist seine neue Entdeckung der “Mutter Courage” eigentlich brechtischer als brechtisch: indem er nun wirklich zeigt, was “die Verhältnisse” sind. Brecht behauptet sie nur, Zadek macht aus ihnen großes, schreckliches, komisches Leben.

Was kann die nun vielgespielte, ikonographisch überstrapazierte (wieviele Planwägen rollten weltweit die Drehbühnen umher!) COURAGE heute noch neues bieten? Dass der Krieg „nix ist als die Geschäfte“ ist hinreichend bekannt, und dass Religion für Territorial- wie Finanzkämpfe als Motiv heuchelhaft vorgeschoben wird, ebenso. Aber: Kriege laufen in erschreckender Weise wieder zeitlich wie geographisch in unfassbar großen Dimensionen ab wie zu Zeiten des dreißigjährigen Krieges, sei es der Balkankrieg oder seien es die heutigen Drohnenkriege. Dabei sind die Dauer der Traumata, die von Generationen zu Generationen unfreiwillig tradiert werden, noch nicht einberechnet – „Kriegsleid unterwirft sich keinem Rückzugsbefehl“, so drückt es der Mediziner und Autor Peter Heinl in seiner bemerkenswerten Kriegstrauma-Analyse MAIKÄFER FLIEG (1994) aus.

Und für heute weiterhin mysteriös und dadurch interessant bleibt die Courage als Figur: Diese getriebene „Hyäne des Schlachtfelds“, wie es einmal im Stück heißt, fasziniert als Mischung aus dem braven Soldat Schwejk (in ihrem schelmischen Witz und ihrer List) und dem von Albert Camus beschriebenen Sisyphos, der den Stein wie wir wissen als Akzeptanz seines Schicksals immer wieder hochrollen wird (so wie die Courage alle Kinder verlierend immer weiter ihren Handel betreiben wird). Camus geht sogar so weit zu fordern, sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorzustellen – kann man sich auch die Courage als glücklichen Menschen vorstellen? In all dem Krieg, der gleichzeitig Alltag geworden ist, in all der Not, die stetig zunimmt? Und doch gibt es scheinbar so etwas wie Glücksmomente im Privaten (man denke an die Szenen mit dem Koch Lamb) wie im Beruflichen (der Handel ist auch Ausdruck einer workaholic-Sucht). Vor allem aber bleibt heute interessant: Das Gefühl des Diffusen, das über diesem Stoff liegt wie ein unsichtbares Damoklesschwert. Das rückt die COURAGE nah an jegliche Krisenzeiten. Unbestimmte Perspektiven, ungeahnte Gefahren, Hilflosigkeiten sind Gefühle, die gerade heute in einem Zeitalter, das von Krisen überrannt wird, die oft unsichtbar sind, nur zu vertraut sind.

Michael Hanekes Endzeitfilm LE TEMPS DE LOUP (2003) wird von Rüdiger Suchsland in einer Kritik folgendermaßen beschrieben:

Der Film (zeigt), dass dort wo das Schlimmste möglich ist, das Beste genauso existiert, enthält in all seinem depressiv stimmenden Gesamtbild doch immer wieder Zeichen der Humanität, bleibt erfüllt von Hoffnung.

Diese Hoffnung und Humanität atmet auch die MUTTER COURAGE, mit einem großgeschriebenen TROTZ ALLEM und dem Ausruf „Der Krieg soll verflucht sein“.

Das Schicksal des Menschen ist der Mensch, wie es bei Brecht heißt, und nur ein Miteinander kann die Lösung sein, Verhältnisse zu ändern – bei aller Ambivalenz zu den möglichen wie unmöglichen Änderungen, so wie es sein Gedicht ICH, DER ICH NICHTS MEHR LIEBE ausdrückt:

Ich, der ich nichts mehr liebe
Als die Unzufriedenheit mit dem Änderbaren
Hasse auch nichts mehr als
Die tiefe Unzufriedenheit mit dem Unveränderlichen.