Virtuelles Programmheft VIELE GRÜSSE, DEINE GIRAFFE

Ein digitales und interaktives Theaterstück für Kinder ab vier Jahren

Obwohl das Theaterstück „Viele Grüße, Deine Giraffe“ pandemiebedingt im digitalen Raum im Rahmen einer Videokonferenz aufgeführt wird, geht es in der beliebten Buchvorlage von Megumi Iwasa ganz altmodisch um eine Brieffreundschaft. Und zwar zwischen Giraffe und Pinguin. Da die eine in der afrikanischen Savanne und der andere am anderen Ende des Horizonts in der antarktischen Walsee lebt, sind die beiden sehr neugierig aufeinander. Wie stellt sich wohl eine Giraffe ein Tier ohne Hals vor? „Wo ist denn euer Hals?“ fragt der Pinguin, gespielt von Andrea Quirbach, ins Publikum. Auf einem Monitor kann sie rund 30 Kinder sehen, die mit ihren Geschwistern, Eltern und Stofftieren in ihren heimischen Wohnzimmern vor dem Bildschirm sitzen und nun ihre Hälse in die Kamera halten. „Und wie lang ist euer Hals?“ fragt der Pinguin. „Zwei Zentimeter“, weiß ein Junge ganz genau. „Und wie lang ist der Hals von der Giraffe?“ Kurze Pause. „30 Meter!“.

Die Schauspieler*innen Andrea Quirbach und Henner Momann spielen live in einem von Lisa Maline Busse entworfenen Bühnenbild – oder ist es nicht eher ein Filmset? Denn aufgezeichnet werden sie von einer Kamera, die sie eigenhändig hin und her schwenken und dadurch verschiedene Bildausschnitte schaffen können. Ein Monitor hinter der Kamera dient nicht nur einem schnellen Kontrollblick – bin ich im Bild? Stimmt die Kameraposition? – sondern auch dem Blick ins Publikum. Die jungen Zuschauer*innen und ihre Familien sind dazu eingeladen, während der Vorstellung ihre Kamera aktiv zu halten, damit sie in kleine Gespräche verwickelt und zum Mitmachen angeregt werden können. So kann auch im digitalen Raum das entstehen, was das Besondere am Theater ist: Ein Live-Moment. Eine Energie zwischen denjenigen auf der Bühne und denjenigen, die zuschauen.

Viele Grüße, Deine Giraffe Teaser: Marie Helene Anschütz

Weitere Vorstellungen findet Ihr in unserem Streamingportal.

Interview mit Regisseur Tim Schmutzler

Das Gespräch führte Lucia Kramer

Normalerweise haben Theaterproduktionen am Staatstheater Mainz einen langen Planungsvorlauf. Stücke und Teams werden gesucht, Bühnenbilder entworfen, Premieren im Spielzeitheft angekündigt – lange bevor sie auf die Bühne kommen. Doch die Pandemie erfordert in dieser Spielzeit oft ein spontaneres Vorgehen. Von der ersten Idee, ein digitales Theaterstück für Kinder zu produzieren, um Familien auch im Lockdown erreichen zu können, bis zur Online-Premiere vergingen diesmal nur wenige Wochen. Der Regisseur Tim Schmutzler gibt Einblicke in einen künstlerischen Prozess im digitalen Raum, der für alle Beteiligten eine neue Erfahrung war.

Was war für dich die größte Herausforderung bei dem Projekt?

Tim Schmutzler: Das größte Fragezeichen war für mich von Anfang an die Interaktion mit den Kindern. Die Frage, wie wir mit ihnen in Kontakt treten können. Sie sollten nicht das Gefühl haben, einen Film anzuschauen, sondern spüren, dass es live gespielt wird und sie gemeint sind, wenn man sie anspricht. Da stellt das technische Setting natürlich erst mal eine Barriere dar. Wenn man sich zusammen in einem Raum befindet, ist es viel einfacher mit Körpersprache und Blicken zu kommunizieren. In einer Videokonferenz ist das schwieriger. Man weiß manchmal nicht sofort, wer gerade spricht; Es gibt Verzögerungen im Bild… Wir mussten erst rausfinden, wie man das technisch und spielerisch lösen kann und wir haben viel dazu gelernt in den letzten Wochen – und lernen immer noch bei jeder Vorstellung dazu. Unser Publikum wird immer wieder für Überraschungen sorgen. Und das macht es jedes Mal aufs Neue spannend und charmant für uns, auch noch bei der zehnten oder zwanzigsten Vorstellung.

Wie seid ihr bei der ästhetischen Gestaltung vorgegangen?

Tim Schmutzler: Weil das Projekt so spontan entstanden ist, gab es anfangs kein komplett durchdachtes Konzept für die Ausstattung. Die Bühnen- und Kostümbildnerin Lisa Maline Busse und ich hatten einige Ideen im Kopf und haben dann Verschiedenes ausprobiert. Dabei haben wir schnell rausgefunden, dass wir die Ausstattung nicht für einen Bühnenraum, sondern für die Kamera gestalten müssen. Und das hat natürlich Auswirkungen darauf, wie die Dinge aussehen. Lisa hat zum Beispiel sehr witzige Figuren für uns gezeichnet und aus dicker Pappe gebaut. Da haben wir bald gemerkt, dass knallige Farben und klare Formen vor der Kamera sehr viel besser funktionieren. Das war ein sehr kreativer Prozess – gerade weil man sich am Anfang noch gar nicht so genau vorstellen konnte, wie es am Ende mal aussehen würde.

Gilt das auch für den Prozess des Inszenierens?

Tim Schmutzler: Auf jeden Fall! Es war sehr spannend zu merken, dass man ganz viele Dinge gar nicht so machen kann, wie man es auf der Bühne gewohnt ist – sich aber gleichzeitig ganz neue Möglichkeiten ergeben. Zum Beispiel von unten oder von der Seite den Kopf ins Bild zu stecken. Oder mit Perspektiven und Größenverhältnissen zu spielen. Vor der Kamera wirkt jemand der vorne steht viel größer als jemand, der im Hintergrund vorbeiläuft. Das auszuprobieren hat viel Spaß gemacht bei den Proben.

Und irgendwann haben wir die Bilder richtig gebaut und genau festgelegt, wie jeder Moment aussehen soll. Das war für die Schauspieler*innen eine große Herausforderung, sich die schnellen Abläufe zu merken und mit den vielen verrückten Requisiten zu hantieren. Das Set ist tatsächlich viel enger, als es auf dem Bildschirm aussieht und es entsteht ein ziemlich hektisches Treiben rund um die Kamera. Da hat es ein paar Proben gebraucht, bis die Abläufe so sicher waren, dass alles reibungslos funktioniert hat und man sich den Spaß und die spielerische Freiheit wieder nehmen konnte, ohne sich von dem Medium zu sehr einengen zu lassen. Und dieser Prozess ist auch noch nicht abgeschlossen. Ich denke, die Schauspieler*innen werden sich bei jeder Vorstellung noch ein bisschen freier fühlen und noch mehr Spaß am Spiel entwickeln.

Viele Grüße, Deine Giraffe

von Megumi Iwasa

Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe

Giraffe, Robbe, Wal         Henner Momann

Pinguin, Pelikan                Andrea Quirbach

Regie und Musik              Tim Schmutzler

Bühne und Kostüme       Lisa Maline Busse

Dramaturgie                      Lucia Kramer

Theatervermittlung         Catharina Hartmann

Veranstaltungstechnik   Matthias Fröhlich

Aufführungsrechte: Verlag der Autoren, Frankfurt am Main