Virtuelles Programmheft WERTHER

Im Vorfeld einer Premiere beschäftigt sich das Team intensiv mit dem Stoff oder dem der Produktion zugrunde liegenden Text, der Autorin oder dem Komponisten, der Entstehungszeit und den Themen, die für uns heute relevant sind. Gerade bei älteren Werken hat auch eine lange Rezeptionsgeschichte ihre Spuren hinterlassen. Auch die Produktion am Staatstheater wird letzterer wieder etwas hinzufügen.
Es entsteht neues Material. Einiges aus diesem “virtuellen Programmheft” haben wir Ihnen hier zusammengestellt.

Über Goethes Die Leiden des jungen Werther als Solipsismus-Modell

von Boris C. Motzki

„Und natürlich ist der Solipsismus auch nie als ernsthafte Überzeugung von einem gesunden Menschen vertreten worden (wem gegenüber auch?); er gehört vielmehr ausschließlich ins philosophische Denklabor und wird dort gelegentlich als eine rein methodische Fiktion herangezogen, […]“, so urteilt Hubertus Busche über die erkenntnistheoretische Position des Solipsismus, die annimmt: Nur ich selbst allein existiere; es gibt weder andere Subjekte noch andere Körper außer mir selbst. Ein Mensch also hat sich alles erschaffen – die Welt mit allen Handelnden und Handlungen. Leben als große Fiktion. Nach obigem Urteil keine ernstzunehmende Position, sondern die eines Kranken bzw. nur ein theoretisches Denkmodell.

Heute kennen wir diese Position fast nur noch aus dem spanischen Film Abre los ojos (Aménabar, 1997) bzw. dessen Remake Vanilla Sky (Crowe, 2001), in dem die Pointe, dass der Protagonist Solipsist ist und die Welt um ihn herum zerbricht, er komplett alleine existiert, ein sehr passendes Sinnbild für Werther sein könnte.

Wenn man Goethes Werther zu verstehen sucht, ist dieses Modell  also ein sehr hilfreiches, sind doch sein Handeln und seine Taten, der Verlauf seines Lebens bis zum Suizid aus dieser Position nachvollziehbar und verstehbar, rekurieren sie doch alle immer auf sein Ich. Schon die Goethesche Konstruktion, Werther seine Geschichte in Briefen erzählen zu lassen (eingebettet in einen konstruierten Rahmen, adressiert an einen uns unbekannten Wilhelm), trägt solipsistische bzw. fiktionale Züge innerhalb der literarischen Fiktion: Wie sehr können wir diesem Erzähler, diesem Werther überhaupt trauen? Wie sehr ist alles subjektiv gefärbt, verfälscht – oder sogar nur erfunden?

Ich liebe Dich: Werthers Liebe und Selbstliebe

Die Liebe Werthers zu Lotte ist somit auch die reinste Form von Projektion, die in der Filmgeschichte ähnlich intensiv Widerhall in Otto Premingers Film noir Laura (1944) findet, in dem der Erzähler sich in das Porträt einer Frau verliebt, diese zu seiner tödlichen und todbringenden Obsession wird, zudem der Zuschauer vom Erzähler ein ums andere Mal getäuscht wird.

Bereits durch diese assoziativeren Filmbeispiele merken wir, wie sehr die Werther-Rezeption Raum gegriffen hat bzw. wo Spuren und Analogien zu entdecken sind – die zahlreiche direkte Rezeption und Adaption in Theater, Literatur und Musik sei hier gar nicht erst erwähnt, da unzählig.


Werthers Liebesverhalten, solipsistisch gelesen, ist somit nur durch seine Ich-Bezogenheit zu erklären, die sein Selbst in den Vordergrund und als Referenzpunkt für alles stellt, die Liebe zu Lotte ist somit Erfindung, Projektion, ein Verlieben in eine Ikonographie, ohne den Menschen wirklich zu kennen – „Die Liebe öffnet die Augen weit, sie macht hellseherisch“, sagt Roland Barthes in Fragmente einer Sprache der Liebe, einem Text, der eine philosophische Definition des Liebesbegriffs am Beispiel von Goethes Erzählung unternimmt. Werthers Augen werden durch seine Projektion geöffnet, er erlebt die Natur wie im Rausch und wie nie zuvor, Goethes Pantheismus-Gedanken finden hier Ausdruck – so beschreibt Werther nach der ersten tatsächlichen Begegnung mit Lotte auf dem Ball:

Es war der herrlichste Sonnenaufgang. Der tröpfelnde Wald und das erfrischte Feld umher! Unsere Gesellschafterinnen nickten ein. Sie fragte mich, ob ich nicht auch von der Partie sein wollte; ihretwegen sollt’ ich unbekümmert sein. – „So lange ich diese Augen offen sehe“, sagte ich und sah sie fest an, „so lange hat’s keine Gefahr“. – Und wir haben beide ausgehalten bis an ihr Tor, da ihr die Magd leise aufmachte und auf ihr Fragen versicherte, daß Vater und Kleine wohl seien und alle noch schliefen. Da verließ ich sie mit der Bitte, sie selbigen Tags noch sehen zu dürfen; sie gestand mir’s zu, und ich bin gekommen – und seit der Zeit können Sonne, Mond und Sterne geruhig ihre Wirtschaft treiben, ich weiß weder daß Tag noch daß Nacht ist, und die ganze Welt verliert sich um mich her.

In der Naturbeschreibung finden wir nicht nur die vielfach anaysierte Seelenspiegelung Werthers, sondern auch den Verlauf seiner erkenntnistheoretischen Position: Die von mir erfundene Welt reagiert auf die von mir geschaffene Projektion, in dem sie sich neu zeigt, ich sie neu erfunden habe, meinen Blick neu schärfe – bis zur Aussage, die den gefährlichen Verlauf andeutet: „die ganze Welt verliert sich um mich her“.

So, wie die Welt sich verliert, wird Werther sich verlieren und – verfolgte man diese Lesart weiter – sich nicht nur in dem Moment umbringen, als er erkennt, dass die Liebe zu Lotte durch die gesellschaftliche Bindung an Albert nicht erfüllt wird, sondern eben auch in dem Moment, als ihm bewußt wird, wie sehr er sich in seiner eigenen Erfindung und Narration verstrickt hat und ihm die Augen geöffnet werden, dass er allein auf dieser Welt ist – das hier im Titel zitierte „Wie keiner so leicht den anderen versteht auf dieser Welt“ macht um so mehr Sinn, als dass es Werthers Erkenntnis ist: Ich kann gar niemanden verstehen, da ich der Einzige bin, ich kann gar niemand lieben (außer mir selbst), da ich der Einzige bin.

Trailer der Produktion
Der Welt den Rücken: Werther, Lotte und Albert

Sieht man Lotte als Werthers Projektion und Albert, den Konkurrenten, als Werthers bürgerliche, nicht ausgelebte Seite, so nimmt es kaum Wunder, dass lange Zeit diese Konstruktion einer Dreierkonstellation sein Dasein bestimmt. Letzlich spaltet sich Werther somit in drei Teile auf, den Liebenden, die Geliebte und den Verschmähten, und gleichzeitig schafft er in dieser ménageà- trois eine Verbindung, die der Welt den Rücken zeigt – ähnlich wie das Trio der Geschwister und des neuen Freundes in Gilbert Adairs meisterhafter Erzählung Die Träumer, bekannt geworden durch die Verfilmung Bertoluccis (2001) – hier antwortet Isabelle, nachdem sie sich mit ihrem Bruder und Freund wochenlang in ihrer Elternwohnung verbarrikadiert hatten, auf die Frage eines Freundes, wo sie denn gewesen seien, zögerlich, aber dann doch bestimmt: „Indem sie just die Geste des darauf abgebildeten Astronomen nachahmte, zeigte sie auf die Jules-Verne- Illustration. „Dort. Auf dem Mond.“ Dies ist eine Aussage, die Werthers Sehnsucht nach Abgeschiedenheit entspricht, wenn er bereits im Brief vom 17. Mai 1771 erzählt: „Ich habe allerley Bekanntschaft gemacht, Gesellschaft habe ich noch keine gefunden.“ Wie auch, möchte man, unserem Modell folgend, ausrufen, wenn es doch wirkliche Gesellschaft nur geben kann, wenn du sie dir konstruierst, sie zulässt.

Der Inhalt in kurzer Zusammenfassung
Die Welt im Rücken: Werthers Bipolarität

Dass Werther der Welt aber nicht nur den Rücken zeigt, sondern selbige sozusagen auch im Rücken hat, ist die Analogie zu Thomas Melles Die Welt im Rücken (2017), der Literarisierung der bipolaren Erkrankung des Autors. Die Welt ist hier konkret die riesige Bibliothek, die der Autor anfangs im Rücken, hinter sich in seiner Wohnung weiß, die ihm Stütze ist, und die er in den manischen Phasen fast komplett veräußert. Diese literarische Stütze ist bei Werther innerhalb der Erzählung Friedrich Gottlieb Kloppstock, heute vergessen, damals literarischer Popstar, dessen Name Lotte als Losung gemeinsamen Glücks und Sehnsuchtsempfindens beim Anblick des Gewitters ausspricht, an dessen Gedicht Die Frühlingsfeier denkend:

Da ein Strom des Lichts rauscht’ und unsre Sonne wurde!
Ein Wogensturz sich stürzte wie vom Felsen
Der Wolk’ herab, und den Orion gürtete,
Da entrannest du, Tropfen, der Hand des Allmächtigen!

Werthers literarische Welt, aus der er schöpft, findet sich zudem bei Ossian und Homer, in Texten, die uns heute weniger zugänglich sind. Aber nicht nur diese sinnbildliche Analogie hat Werther mit dem Autor Melle gemeinsam, sondern vor allem die manisch-depressiven Züge: Ist Werther in seiner Liebe zu Lotte ein sich Entgrenzender, sich im Rausch befindender Mensch, der schließlich in seiner Flucht am Hofe zum Ausgestoßenen wird, zum Depressiven, der ja bekanntlich im Suizid endet, so ist das auch der klinische Verlauf einer Bipolarität, die sich so oft beim radikalen Künstler findet. So schreibt Thomas Melle:

Wenn Sie bipolar sind, hat Ihr Leben keine Kontinuität mehr. Die Krankheit hat Ihre Vergangenheit zerschossen, und in noch stärkerem Maße bedroht sie Ihre Zukunft. Mit jeder manischen Episode wird Ihr Leben, wie Sie es kannten, weiter verunmöglicht. Die Person, die Sie zu sein und kennen glaubten, besitzt kein festes Fundament mehr. Sie können sich Ihrer selbst nicht mehr sicher sein. Und Sie wissen nicht mehr, wer Sie waren. Was sonst vielleicht als Gedanke kurz aufleuchtet, um sofort verworfen zu werden, wird im manischen Kurzschluss zur Tat. Jeder Mensch birgt wohl einen Abgrund in sich, in welchen er bisweilen einen Blick gewährt; eine Manie aber ist eine ganze Tour durch diesen Abgrund, und was Sie jahrelang von sich wussten, wird innerhalb kürzester Zeit ungültig. Sie fangen nicht bei null an, nein, Sie rutschen ins Minus, und nichts mehr ist mit Ihnen auf verlässliche Weise verbunden.

Auch Werther weiß nicht mehr, wer er ist, seine Handlungen werden kurzschlusshaft, sein Abgrund offenbart sich immer mehr, und unserem Modell folgend, stürzt er bei der Erkenntnis seiner Weltenkonstruktion ins Nichts.

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Kein Geistlicher hat ihn begleitet: Werthers Suizid

Um zwölfe Mittags starb er. Die Gegenwart des Amtmanns und seine Anstalten tuschten einen Auflauf. Nachts gegen eilfe ließ er ihn an die Stätte begraben, die er sich erwählt hatte, der Alte folgte der Leiche und die Söhne. Albert vermochts nicht. Man fürchtete für Lottens Leben. Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.

So endet Goethes Werther, nach Aussage Marcel Reich-Ranickis einer der berührendsten Schlussmomente der Literatur, und somit endet aber auch – scheinbar – die Solipsismus- These, da wir eine Schilderung des Außen bekommen – wie ja auch eingangs in der Rahmung („Was ich von der Geschichte des armen Werthers weiss…“, schreibt der „Herausgeber“). Und dennoch könnte man argumentieren, dass Werthers Solipsimusidee eine Selbsterkenntnis war: Ich bin ja nur allein, ich kann nichts außer mir haben und lieben – und somit, da er im Glauben daran stirbt, nimmt die tragische Ironie des Schicksals seinen Lauf, er unterliegt einer letzten großen Täuschung.

Aber ist das Leben, inklusive der Kunst, der Literatur, des Theaters, um mit Jean Renoir zu sprechen, nicht auch nichts anderes als eine große Illusion?