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haus_sommer02

Ein Vorwort

Liebes Publikum,

die Zeichnungen in unserem aktuellen Jahresheft verlachen den klaren Strich, die Figuren verweigern sich jeder scharfen Kontur. Mit Abgrenzungen nämlich, soviel haben sie verstanden, kommen wir letztlich nicht weiter. Ihre hartnäckige Unbeholfenheit aber, mit der sie so verstrubbelt auftreten, könnte heute eine hilfreiche Haltung sein!
Peter Engel, den Sie als Bühnenbildner von Die Bremer Stadtmusikanten kennen, hat für unsere Spielzeitvorschau Illustrationen geschaffen, die dem Leitmotiv der kommenden Saison: „Du kannst mir alles erzählen“ vorauseilen und hinterherlaufen. Diese zerzausten Köpfe und Körper mühen sich redlich, ihre Sprechblasen an den Mann, die Frau, das Kind, das Wesen gegenüber zu bringen. Bleiben darin gefangen, stülpen sie einander über, immer zu groß, zu klein, zu eng, zu weit, zu vage oder zu kantig. Vieldeutig also wie dieser Satz, der je nach Betonung Wohlwollen, Vertrauen und Zuwendung ausdrückt – oder eben Misstrauen und Skepsis. Die beiden Gestalten auf dem Titel etwa: Wird da jemand erbarmungslos zugetextet oder mit Worten umarmt? Oder tarnt sich das eine mit dem anderen?

Warum „Du kannst mir alles erzählen“? Als wir uns Gedanken gemacht haben, wie wir eine Spielzeit überschreiben wollen, die nach der theaterstillen Coronazeit in jedem Fall eine besondere sein wird, trieben uns die Fragen um: Wie kann es uns als Gesellschaft gelingen, nach der Zeit der Vereinzelung wieder zusammen- zufinden? Wie können wir so miteinander reden, dass entstandene Gräben nicht vertieft, sondern überbrückt und schließlich sogar überwunden werden? Das war Anfang dieses Jahres. In den Monaten danach mussten wir aus unserem nach wie vor stillgelegten Theater verfolgen, wie viele Debatten immer giftiger, gnadenloser und in den medialen und digitalen zweidimensionalen Raum, scheint dem Gesprächsklima jeder Sauerstoff entzogen, der die Luft zwischen den Sprechenden mit Offenheit und zumindest Akzeptanz erfrischen könnte. Stattdessen fallen Vertreter*innen unterschiedlicher Haltungen zu gerade heiß gekochten Themen übereinander her, schlachten einander mit Kampfbegriffen und der hohe moralische Ton, der dabei oft angeschlagen wird, ist schrill. In Frage gestellt wird immer seltener die Meinung, sondern gleich der ganze Mensch, dessen Meinung nicht gefällt. Es scheint, als seien die Wunden, die Corona und der Umgang damit geschlagen haben, so tief und offen, dass schon ein kleines Sandkorn, eine Bemerkung, ein Wort reicht, damit sie brennen wie verrückt. Und wir entsprechend um uns schlagen. Während also die einen immer lauter wurden, wurden andere immer
unbarmherziger wurden. Eingesperrt in den medialen und digitalen zweidimensionalen Raum, scheint dem Gesprächsklima jeder Sauerstoff entzogen, der die Luft zwischen den Sprechenden mit Offenheit und zumindest Akzeptanz erfrischen könnte. Stattdessen fallen Vertreter*innen unterschiedlicher Haltungen zu gerade heiß gekochten Themen übereinander her, schlachten einander mit Kampfbegriffen und der hohe moralische Ton, der dabei oft angeschlagen wird, ist schrill.
In Frage gestellt wird immer seltener die Meinung, sondern gleich der ganze Mensch, dessen Meinung nicht gefällt. Es scheint, als seien die Wunden,
die Corona und der Umgang damit geschlagen haben, so tief und offen, dass schon ein kleines Sandkorn, eine Bemerkung, ein Wort reicht, damit sie brennen wie verrückt. Und wir entsprechend um uns schlagen.
Während also die einen immer lauter wurden, wurden andere immer stiller. Hinter dem lauten Dröhnen der sich als maßgeblich Brüstenden sind die, die offensichtlich für unwichtig gehalten werden, nur schwer wahrnehmbar. Weil sie keine Verstärker haben im Netz oder schlicht zu überfordert und erschöpft sind, um sich zu Wort zu melden. Weil ihnen das Rüstzeug für den virtuellen Meinungs- und Interessenkampf fehlt. Auch jetzt, da viele erleichtert und froh die zurückgewonnene Freiheit feiern, werden andere noch lange nicht fertig mit der ganzen Geschichte. Melancholie und Sehn- sucht sind im Gefolge der letzten Monate in viele Seelen eingezogen und haben sich dort festgesetzt. Nicht wenige werden noch lange zu kämpfen haben mit den Folgen einer Zeit, die wir alle aus heutiger Sicht noch nicht kompetent bewerten und analysieren können.
Natürlich fiel nicht nur uns auf, dass wir offensichtlich neu um die Fähigkeit ringen müssen, miteinander sprechen. Unser Leitsatz wurde immer brennender und er ist ein Theaterthema: Wir sind überzeugt, dass Theater helfen kann, vielleicht sogar helfen muss. Denn, um zu einer unserer Fragen zurückzukehren: Wie können wir wieder zusammenfinden? Indem wir viel miteinander reden und einander zuhören, sollte man meinen. Wenn wir das aber offensichtlich gar nicht mehr so gut können und „Du kannst mir alles erzählen“ nicht funktioniert, weil wir uns spätestens beim zweiten Satz ins Wort fallen? Und wenn mit Phrasen und Polemik gefüllte Sprechblasen irgendwann endlich platzen, werden deren fade gekauten Reste auch kaum taugen, die Splitter einer zerberstenden Gesellschaft neu zu verfugen.

Dafür braucht es mehr, dafür braucht es vielleicht etwas Drittes. Manchmal ist es klug, wie beim Sport den direkten Ball zu vermeiden und über Bande zu spielen. Das Spiel bleibt konstruktiv, respektvoll und frei zu damit schnell und aufregend, verliert aber seine verletzende Wucht und gewinnt letztlich mehr Raum. Bewusste Ablenkung also, die im Ergebnis auch und manchmal besser zum Ziel führt. Theater, Geschichten, Bühnengeschehen, Figuren können eine solche Rolle des Dritten übernehmen – niemand kann es besser als sie! Der Austausch im Theater geht immer über Bande, bedeutet immer, dass wir gemeinsam ein Geschehen wahrnehmen, das wir dann auf uns übertragen können. Möglicherweise können Menschen einander besser zuhören, besser miteinander reden, wenn sie ein anderes Thema haben als die Meinung und vermeintlich ‚falsche‘ Position des Gegenübers. Wenn Empathie nicht mehr im direkten Umgang möglich ist, geht es vielleicht über einen Umweg und über Stellvertreter*innen. Das hat zugleich den Charme, dass jene wieder hörbar werden, die fast verstummt sind. Denn ihnen sollten wir dringend jetzt endlich zuhören, ihre Geschichten übersetzen in eine verdichtete Sprache, in Tanz, Musik, Tragödie und Komödie, in Poesie und Fantasie. Denn wenn wir in Selbst- und Fremdwahrnehmung nicht mehr auf pandemisch Schutzbefohlene zusammengeschrumpft sind, dürften wir alle Sinne brauchen, um einander zumindest ein bisschen besser zu verstehen. Der große Theaterschatz an uralten und ganz neuen, an erfundenen und bereits gelebten Leben, Abenteuern und Schicksalen kann dazu dienen, uns ein bisschen fiktionales Wissen zu borgen für die Horizonterweiterung. Hannah Arendt hat vor langer Zeit darauf aufmerksam gemacht, dass es sich lohnen könnte, das Wort Interesse wörtlich zunehmen. Interesse, Dazwischensein. Wenn jede*r sich ein bisschen von sich selbst wegbewegt, kann man sich in der Mitte treffen. Und weniger selbstbezüglich miteinander reden.
Die vorsichtige Methode des Essays, des literarischen Versuchs also, wäre heute möglicherweise keine schlechte Vorgehensweise und die faserreichen Zeichnungen Peter Engels bilden eine solche Poetik ab: Nicht alles schon vorher wissen, Seitenwege gehen, ziellos sein, Versuche wagen, überhaupt ETWAS wagen, sich etwas zumuten (was mit Mut zu tun hat), Behauptungen verlachen. Und wirklich dem kühnen Ansatz folgen, ALLES erzählen zu wollen, damit wir das Unwichtige nicht vom vermeintlich Wichtigen zu früh abspalten, denn viel- leicht irren wir uns ja und die Neben- sächlichkeit ist wichtig oder die Spinnerei eine verblüffende Wahrheit! Kommunikation ist auch ohne Corona schon eine heikle Angelegenheit, José Saramago beschrieb ihre Tücken und Verwirrungen als „die Tatsache, dass sich zwar die Kommunikationstechnologien in wahrhaft linearer Progression von Verbesserung zu Verbesserung hangeln, die andere Kommunikation hingegen, die eigentliche, wirkliche, die zwischen mir und dir, zwischen uns und euch, noch immer dieses chaotische Gewirr aus Sackgas-sen darstellt, so trügerisch mit ihren verträumten Promenaden, so hinterhältig, wenn sie etwas ausdrücken will, und auch, wenn sie etwas verschweigen will.“ Wir könnten gemeinsam in der neuen Spielzeit hineinleuchten in diese Sackgassen, uns vortasten auf den verträumten Promenaden. Einfach so, ganz ohne Recht haben zu wollen.

Du kannst mir alles erzählen. Das ist natürlich eine maßlose Aufforderung. Geht ja gar nicht, alles zu erzählen. Allerdings haben wir – und auch darüber wurde viel und aufgeregt diskutiert – ohne Unterlass geprobt und ziemlich viel angesammelt in den letzten Monaten. Jetzt haben wir jede Menge Geschichten wortwörtlich auf Lager. Wir können aus dem Vollen schöpfen. Das finden wir wunderbar, denn Geschichten werden wir brauchen! Vielleicht kann uns die Bereitschaft, alles zu erzählen, schließlich
dahin bringen, uns doch auf die eine oder andere Gemeinsamkeit zu einigen. Der Soziologe Andreas Reckwitz hat schon vor Corona auf die große gesellschaftliche Herausforderung auf- merksam gemacht, dass wir unbedingt mehr Verzicht auf individuelle Bedürfnisse zugunsten gesellschaftlicher Übereinkünfte brauchen. Können wir das überhaupt noch und warum ist das so dringend geboten? „Singularitäten“ nennt Reckwitz uns Individuen der Spätmoderne. Und der Wert einer Singularität beziffert sich darüber, wie „besonders“ sie ist, wie sehr sie sich originell und stilsicher von anderen absetzt. Wobei paradoxerweise durch die immer neuen modisch vorgegebenen Definitionen des Besonderen dieses schon nicht mehr besonders sein kann … Aber „wer Ambivalenzen aushalten kann, ist in der Spätmoderne klar im Vorteil“ (Reckwitz). Alles nicht so einfach - Ambivalenzen sollen wir aushalten, resilient sollen wir auch noch werden, damit wir Schritt halten können. Und beides überfordert viele.
Die große Gefahr dieser Entwicklung ist eine gesellschaftliche: Besonders kann nämlich leider nur sein, wer über ausreichend Kapital an Bildung,
Geld und Begabung verfügt, das ist eine teure Angelegenheit auf mehreren Ebenen und in unterschiedlicher Währung. Wer dies nicht leisten kann, gehört zum nicht wertgeschätzten „abgehängten Drittel“ und fühlt sich auch so. Corona dürfte dieses abgehängte Drittel noch weiter zurückfallen lassen. Das ist eine politisch gefährliche und gesellschaftlich traurige Entwicklung.
Wir brauchen also, um einen altmodisch klingenden aber eigentlich hochmodernen Begriff zu verwenden, der ebenfalls schon bei Hannah Arendt auftaucht und nun von vielen aufgegriffen wird, Gemeinsinn. Dringend. Etwas, auf das wir uns bei all unseren Unterschieden einigen können. In dem wir weiter in individuellen Farben schillern können und doch das gemeinsame Ganze im Blick haben.
Ob wir dazu noch in der Lage sind, wird sich zeigen. Versuchen müssen wir es auf jeden Fall. Wir hier im Theater jedenfalls werden das uns Mögliche dafür tun, wir wollen erzäh- len und erzählen lassen und zuhören, auf der Bühne, im Foyer, im grünen Kakadu. Bis die ganze Atmosphäre im und rund um das Theater voll ist mit unseren, Ihren und Euren Geschichten. Und wir werden versuchen, dafür Zwischentöne und Bilder zu finden, die uns auf Saramagos verträumte Prome- naden und anderswohin führen, wo wir vorher vielleicht noch nie waren.
Es gibt so viel zu erzählen, so viele verschiedene Geschichten. Wir wollen so mannigfaltig und reichhaltig wie möglich sein, um einige der schmerzhaften Lücken zu füllen, die entstanden sind. Die meisten Sprechblasen in diesem Heft sind leer. Ich bin sehr gespannt, mit welchen Texten und Tönen wir alle sie füllen werden.

Wir freuen uns sehr auf Sie.

Ihr
Markus Müller
Intendant

Hier können Sie unser Spielzeitheft lesen: →Spielzeitheft 2021/2022



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